Teil 5: Kalifornien

Tag 67: (19.12.14) Boulevard – San Diego

Distanz: 121.3 km / Gesamt: 5350.5 km = 3324 Meilen /

Fahrzeit: 6 Std. 35 Min. / Durchschnitt 18.4 km/h
Vormittag 7, Nachmittag 23 Grad, ganzer Tag sonnig, leichter Gegenwind

Zieleinlauf

Heute Morgen sind wir bereits um 8.00 Uhr auf den Rädern. Für die letzte Etappe begrüsst uns die Sonne bereits am Morgen. Trotzdem ist es hier in der Höhe von Boulevard auf über 1000 MüM noch recht kühl. Nochmals lag eine längere Etappe vor uns und zum „Frühstück“ gab es gleich einige längere Aufstiege und Abfahrten.

Hier wurde zum letzten Mal auf der Reise "Power-ade" und andere "Verpflegung" gebunkert.

Hier wurde zum letzten Mal auf der Reise „Power-ade“ und andere „Verpflegung“ gebunkert.

Auf die Abfahrten hätte ich ja gerne verzichtet, denn ich wusste, diese Meter die ich nun hinuntersause muss ich gleich wieder hochstrampeln. Zum ersten Mal auf der Reise fühlte ich mich bei der Abfahrt am Morgen nicht wirklich fit. Der lange Aufstieg gestern war trotz aktuell gutem Trainigszustand zu spüren. Die Oberschenkel fühlten sich verkrampft und kraftlos an. Die Creme mit der ich meine Beine gestern Abend noch eingerieben habe schien keine Wirkung zu zeigen. Also musste ich in den langen Anstiegen immer wieder anhalten und die Muskeln dehnen. Dann zauberte Kyle ein amerikanisches „Wundermittel“ aus seiner Lenkertasche. Die Pillen sollen die Muskulatur entspannen. Genau was ich jetzt brauchte. Also habe ich zwei Stück eingenommen und konnte allmählich spüren, wie meine Tritte immer runder wurden.
Die Landschaft und die kleinen Ortschaften hier entlang des „Historic US 80“ waren wunderschön.

Schöne Landschaft, aber kräfteraubende Hügel lagen noch zwischen uns und dem Ziel.

Schöne Landschaft, aber kraftraubend Hügel lagen noch zwischen uns und dem Ziel.

Was für ein Gegensatz dieser Landschaft zur Sandwüste mit wenigen Büschen durch die wir noch gestern gefahren sind- Dann war in Guatay auch der letzte Hügel geschafft und nun hiess es definitiv: San Diego wir kommen.

Ein letzter, langer Aufstieg nach Guatay.

Ein letzter, langer Aufstieg nach Guatay.

Ab hier gibt es erst mal eine lange Abfahrt nach San Diego!

Ab hier gibt es erst mal eine lange Abfahrt nach San Diego!

Einige Kilometer vor Alpine durfte ich dann noch ein letztes Mal die Autobahn benutzen, da es hier wiederum keine andere Strasse gab. 6 Kilometer super Abfahrt auf einem breiten Streifen mit sehr feinem Teerbelag: Was für ein toller Abschluss auf der Interstate 🙂

Letzter "Ritt" auf der Interstate 8.

Letzter „Ritt“ auf der Interstate 8.

Hier sahen wir zum ersten Mal den Pazifik am Horizont auftauchen. Ein lauter Jubelschrei und ein tolles Glücksgefühl waren meine Reaktion darauf.

In den Vororten war der Verkehr noch ruhig, später war keine Zeit mehr für Fotos.

In den Vororten war der Verkehr noch ruhig, später war keine Zeit mehr für Fotos.

Langsam näherten wir uns den Vororten von San Diego. Zum Glück hatten wir gute Detailkarten die uns die Einfahrt in die Stadt erleichterten. Meist gab es Radstreifen und die Wege führten eher Nebenstrassen entlang. Wer San Diego kennt weiss aber auch, dass die Stadt sehr viele Hügel aufweist. So hatten wir also bis zum Schluss immer wieder mit kurzen aber oft recht steilen Anstiegen zu kämpfen. Wir fuhren durch die Mission Gorge Road, wo es einen tollen Rad-Wanderweg gibt. Keine Autos, Natur pur und das fast mitten in der Stadt.

Auf dem "Mission Gorge Trail".

Auf dem „Mission Gorge Trail“.

Dann war aber Schluss mit lustig. Im Bereich der „Friars Rd“ hatte es mehrere Fahrspuren, viele Ein- und Ausfahrten und der Verkehr nahm kräftig zu. Nochmals war volle Konzentration erforderlich und der Blick in den Rückspiegel fast ebenso wichtig wie der nach vorne. Die Autofahrer rechnen hier offensichtlich nicht mit Radfahrern oder sind durch den starken Verkehr abgelenkt, auf jeden Fall waren einige „Überholmanöver“ mehr als knapp.
Wir drosselten das Tempo und benutzten auch mal ein Fussgängerlichtsignal um die Kreuzungen sicher überqueren zu können. Dann zum Schluss nochmals einige Kilometer eigener Radweg. So konnten wir die letzten 15 Minuten entspannt entlang des San Diego Rivers geniessen.

Entlang des "San Diego River".

Entlang des „San Diego River“. Die letzte Meile!

Wir hatten mehr Zeit gebraucht als erwartet und so färbte sich der Himmel bereits rosa, als wir die letzten Meter auf dem Radweg fuhren und endlich am Ziel unserer Reise standen: „Dogs Beach San Diego.“ Weiter nach Westen geht es hier nur noch per Boot.

Ab hier gib es nur noch Sand und Meer!

Ab hier gib es nur noch Sand und Meer!

Ich lud die Satteltaschen vom „Pferdchen“ um mit ihm die letzten Meter durch den Sand zum Wasser zu gehen. Als wir so in die Ferne schauten, kam eine Welle angerollt und das Pferdchen und ich standen knöcheltief im kalten Wasser des Pazifik. Wir waren gesund und glücklich am Ziel angekommen. DANKE!!!
Es war ein stilles geniessen und sowohl Kyle als auch ich hingen etwas unseren Gedanken nach. Wir beide hatten uns, jeder auf seine Art, einen Traum erfüllen können.

Kyle's "Siegerfoto"

Kyle’s „Siegerfoto“

Im Pazifik!

Im Pazifik! Eine Traumreise ist zu Ende!

Was wohl das Pferdchen "denkt". Schon an ein neues "Abendteuer" ...

Was wohl das Pferdchen „denkt“. Träumt es schon von einem neuen „Abenteuer“ ?

Wir waren beide froh, dankbar und uns auch bewusst, das es nicht selbstverständlich war diese Reise unfallfrei beenden zu können. Nicht das Radfahren in den USA gefährlicher als zu Hause wäre, ganz im Gegenteil. Aber auf über 5000 Kilometer und durch einige Millionenstädte gibt es am Ende dann doch einige „Begegnungen“ bei denen es hätte böse ausgehen können.
So genossen wir den schönen Sonnenuntergang am Strand und es war Zeit einige Erinnerungsfotos zu machen. Dann gab es in einer nahen Bar ein kühles Bier mit dem wir auf die erfolgreiche Durchquerung anstossen konnten.

Ein ganz "besonderes Bier" zum Abschluss.

Ein ganz „besonderes Bier“ zum Abschluss.

Ich bestellte ein Taxi und lies mich zum Flughafen fahren, wo ich ein Mietwagen reserviert hatte. Mit diesem dann zurück zu Kyle und unserem Material.  Bis beide Räder, der Anhänger und unser Gepäck im „Jeep Patriot“ verstaut waren, dauerte es noch etwas. Aber am Schluss hatte alles Platz und ich brachte Kyle zu seinen „Warmshowers“ Gastgebern. Ich selber fuhr zu Gerry. Sie ist die „Schlummermutter“ bei der ich während meines Sprachaufenthalts im Herbst 1986 vier Monate gelebt habe. Immer wenn ich seither in den USA war, habe ich sie besucht. Auch diesmal war die Freude uns wieder zu sehen gross und wir plauderten noch bis Mitternacht, bevor ich müde aber auch zufrieden ins Bett ging.
Die nächsten paar Tage verbringe ich bei Gerry in San Diego. Dann werde ich am 25. oder 26. Dez. Richtung Las Vegas fahren. Auf dem Weg ist ein Besuch im „Death Vally National Parks“ und anderer Orte entlang der Route geplant. Am 29.12. fliege ich dann mit „Edelweiss Air“ nonstop zurück in die Schweiz, wo ich am 30. also rechtzeitig für Silvester eintreffen werde.
Ich freue mich darauf meine Lieben zu Hause wieder zu sehen.

Für alle Blogleser_innen: Noch vor Weihnachten werde ich einen letzten Blog mit einem kleinen Rückblick zu dieser Reise veröffentlichen. Also es ist noch nicht ganz fertig. In den nächsten Tagen also einfach nochmals auf dieser Seite vorbeischauen.
An dieser Stelle auch an alle die mir zur Reise gratuliert haben, ob per Mail, Kommentar oder „Skype Nachricht“ hier kollektiv: Ganz herzlichen Dank! Ich habe mich sehr gefreut.
Also bis bald beim „Abschlussblog“ .

Tag 66: (18.12.14) El Centro – Boulevard

Distanz: 84.7 km / Gesamt: 5229.2 km / Fahrzeit: 5 Std. 50 Min. / Durchschnitt 14.5 km/h

Vormittag 14, Nachmittag 12 Grad, ganzer Tag sonnig, in den Bergen Wolkenfelder,
Wind leicht bis mittel, drehend

Bergauf

Heute war es also soweit. Die letzte grosser Barriere die mich noch vom Pazifik trennt musste in Angriff genommen werden.

Unser Höhenprofil heute auf der Karte von ACA (Adventure Cyclist Assosiation)

Unser Höhenprofil heute auf der Karte von ACA (Adventure Cyclist Assosiation)

Zuerst etwa 45 Kilometer von El Paso auf wiederum lausigen Rumpelstrassen an den Fuss der Bergkette und dann fast 35 Kilometer immer Bergauf. Von minus 12 Meter auf gut 1200 Meter. Mit einem leichten Mountain- oder Rennrad ist das nicht so eine Sache, aber ein voll beladener Lieger braucht viel Druck in den Pedalen, um diese langen Aufstiege zu schaffen. Bevor es bergauf ging, kamen wir noch an einer grossen „Windfarm“ vorbei, welche die kräftigen Winde die hier auftreten in sauberen Strom umwandeln.

Radeln vor Windrädern

Radeln vor Windrädern

Für Eisenbahnfreunde: Wohl ein seltenere Anschrift an diesen Loks.

Für Eisenbahnfreunde: Wohl ein seltenere Anschrift an diesen Loks. „Idaho Northern & Pacific“

Vor deAufstieg noch eine Stärkung.

Vor dem Aufstieg noch eine Stärkung.

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Wer wohl diese Bar in der Einöde besucht?

 

Dann ging es stetig bergauf. Eine scheinbar öde Steinwüste, die nur bei genauerem hinsehen ihre wahre Schönheit offenbarte.

Durch die "Steinwüste", immer bergauf.

Durch die „Steinwüste“, immer bergauf.

Versteckte "Schönheiten"

Versteckte „Schönheiten“

Den Autofahrern wurde mit einem Schild empfohlen, die Klimaanlage auszuschalten, um den Motor beim langen Anstieg nicht zusätzlich zu belasten. Alle paar Kilometer war ein Depot für Kühlerwasser, nur Velofahrer müssen alles selber mitschleppen. Ich ging den Aufstieg vorsichtig an, denn ich wollte vermeiden, meine Knie zu stark zu belasten.

Der längste Anstieg ist geschafft!

Der längste Anstieg ist geschafft! Ich bin es auch 😉

Nach dem ersten Pass auf genau 3000 Fuss (etwa 1000 Meter) mussten wir die Autobahn wieder verlassen und auf der alten Strasse „80“ fahren. Es ging hier immer wieder rauf und runter, durch kleine Ortschaften mit vielen verlassenen Häusern und Geschäften.

Auch hier; die Autobahn hat den Geschäften die Existenz geraubt.

Auch hier; die Autobahn hat den Geschäften die Existenz geraubt.

Anschliessend führte die Strasse sehr nahe der mexikanischen Grenze entlang.
Die ist hier besonders gut bewacht. Die Fahrzeuge der Grenzkontrolle waren allgegenwärtig und ein riesiger Zaun sollt die illegale Einreise zusätzlich erschweren.

Blick über den Grenzzaun nach Mexiko.

Blick über den Grenzzaun nach Mexiko.

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Präsenz markieren: Border Patrol

Wohl ein dauerndes „Katz und Mausspiel“ und die Farmer im Imperial Vally oder bei El Centro hoffen im Geheimen wohl, das es immer wieder ein paar schaffen, die Grenze zu überqueren, schliesslich sind sie der Nachschub an billigen Arbeitskräften. Es wurde kühl in der Höhe und Motels sind hier dünn gesät. So entschieden wir uns, bereits in Boulevard die Etappe zu beenden und morgen die restlichen gut 110 Kilometer in Angriff zu nehmen. Zuerst gut 30 Kilometer mit nochmals drei Anstiegen und dann 80 Kilometer runter ans Meer!
Noch ein Tag auf dieser tollen Reise!

Bald am Ziel!

Bald am Ziel!

Bis jetzt lief alles perfekt nach Plan. Ich hoffe, das Glück bleibt Kyle und mir auch Morgen treu, so dass wir am Nachmittag die erfolgreiche Ankunft am Pazifik feiern können. Noch scheint mir die Vorstellung seltsam, diese lange geplante und im Kopf schon oft „gefahrene“ Reise nun wirklich erfolgreich beenden zu können. Ich freue mich darauf und bin gespannt wie sich das anfühlen wird, das Vorderrad in den Pazifik zu schieben.

Tag 65: (17.12.14) ungeplanter Rasttag in El Centro

Heute Morgen haben Kyle und ich die aktuellen Radarkarten von verschiedenen Webseiten angeschaut und nach einigem hin- und her haben wir entschieden, den langen Anstieg heute nicht in Angriff zu nehmen. Wir haben beide noch genug Reservezeit und heute würden wir auf jeden Fall richtig nass werden. Um halb neun, der geplanten Abfahrtszeit war gerade eine Regenzelle über uns und eine weiter wartet weiter westlich.  Zudem ist es in der Höhe ziemlich kalt, knapp über dem Gefrierpunkt und es ist mit Nebel zu rechnen. Nicht unbedingt ideale Voraussetzungen für einen schönen Tag auf dem Fahrrad. Zudem hätten wir bis zum nächsten Motel voraussichtlich 5 – 6 Fahrstunden benötigt. Wenn man schon nach ein, zwei Stunden nass ist und friert ist der Spass bald zu Ende. Ab Morgen ist wieder besseres Wetter angesagt und nach dieser langen Tour wollen wir die letzten zwei Fahrtage bis San Diego noch richtig geniessen. Also werden wir erst am Freitag in San Diego eintreffen.

Heute gab es in El Centro nichts wirklich aufregendes zu tun. Etwas Mail- und Blogaktuallisierung bei „Mc D“, da das Internet im Motel wieder mal zu wünschen übrig lässt.

"Büroarbeit" bei Mc. D.

„Büroarbeit“ bei Mc. D.

Proviant für morgen besorgen und Wäsche waschen.

In der öffentlichen "Wäscherei" herrschte reger Betrieb. Viele hier haben keine eigene Maschine zu Hause und kommen mit ihren Wäschebergen hierher.

In der öffentlichen „Wäscherei“ herrschte reger Betrieb. Viele hier haben keine eigene Maschine zu Hause und kommen mit ihren Wäschebergen hierher.

Dazu ein frischer Haarschnitt. Ist etwas gar kurz geraten, dafür dauert es etwas länger bis die 10 Dollar „Rasur“ wieder nachgeschnitten werden muss. 😉

Hier gab's für nur 10 Dollar ein Schnitt ...

Hier gab’s für nur 10 Dollar ein Schnitt …

... der für mehrere Wochen genügen wird.

… der für mehrere Wochen genügen wird.

So sollten wir also für den anstrengenden Tag Morgen gut vorbereitet sein.

Tag 64: (16.12.14) Yuma – El Centro

Distanz: 100.7 km / Gesamt: 5144.5 km / Fahrzeit: 5 Std. 12 Min. / Durchschnitt 19.3 km/h

Vormittag 12, Mittag 23, Nachmittag 13 Grad, Morgen bedeckt, ab 15.00 Uhr Regen, kein Wind

Kalifornien, hier bin ich!!!

So langsam erlebe ich fast jeden Tag einen weiteren Meilenstein. Heute war es die Grenze nach Kalifornien. Somit bin ich also auf meiner Reise im achten und letzten Bundesstaat angekommen.

Meine letzter Bundesstaat auf dieser Reise.

Meine letzter Bundesstaat auf dieser Reise.

Der Coloradoriver bildet hier die Grenze und gleichzeitig konnte die Uhr nochmals um eine Stunde zurückgestellt werden. Der Zeitunterschied zur Schweiz beträgt somit -9 Stunden.

Der Colorado ist hier nach der gewaltigen Wasserentnahme nur noch ein Rinsal im Vergleich zum Grand Canyon.

Der Colorado ist hier nach der gewaltigen Wasserentnahme nur noch ein Rinsal im Vergleich zum Grand Canyon.

Ein neuer Bundesstaat bedeutet auch immer wieder neue Gesetze. Hier in Kalifornien sind die Regeln was das Fahren auf der Interstate betrifft wieder sehr streng und oft unklar. Das Fahren auf dem Pannenstreifen ist erlaubt, sofern es keine andere Strasse gibt. Das ist jedoch ein dehnbarer Begriff.

Das gefällt einem eingfleischten "Pannenstreiffenfahrer" natürlich gar nicht.

Das gefällt einem eingefleischten „Pannenstreifenfahrer“ natürlich gar nicht.

Also war heute immer genaues Routenstudium nötig. Wo bin ich gerade, gibt es zur nächsten Ausfahrt eine Alternative zur Autobahn? Ist diese geteert oder wie hier oft nur eine Sandpiste? Ich wollte vermeiden, mit der Polizei zu diesem Thema auf der Autobahn diskutieren zu müssen. Allenfalls hätten sie mich einfach über den Zaun in den Sand gesetzt und das macht mit einem beladenen Rad sicher keinen Spass. So fuhr ich immer mal wieder ein Abschnitt auf der Autobahn und bei der nächsten Ausfahrt wieder auf der Nebenstrasse, die sich dann vielleicht wieder „auflöste“ oder in eine andere Richtung abbog. An so einer Kreuzung war ich unsicher, ob ich wieder auf die Autobahn sollte, denn die Nebenstrasse führte in einem sehr weiten Bogen Richtung Norden und hätte mir mindestens fünfzehn zusätzliche Kilometer beschert. Da kam auf einer einsamen Strasse ein Rentner auf seinem Mountainbike dahergefahren. Er hielt an und ich fragte ihn nach dem richtigen Weg. Er war Kanadier aus Alberta und verbringt jeweils den Winter in dieser Gegend. „Du kannst hier auf die Autobahn. Bleibe dort bis nach den Dünen, denn hier gibt es keinen anderen Weg.  Danach hat es dann wieder eine Parallelstrasse.“ Wir plauderten noch kurz über meine Reise und er interessierte sich wie es so sei, auf einem Liegerad zu fahren. Dann verabschiedeten wir uns und ich bog bei der Tafel “ keine Fahrräder hinter diesem Punkt“ auf die Interstate ab. Kurz darauf überholte mich ein Polizeiauto und reagiert nicht. Ein gutes Zeichen. Links und rechts der Autobahn türmten sich die Sanddünen auf. Man hat fast das Gefühl in der Sahara zu sein.

Mitten durch die Sandlandschaft führt der "All American Canal" der das Coloradowasser zu den Feldern in Kalifornien und Arizona leitet.

Mitten durch die Sandlandschaft führt der „All American Canal“ der das Coloradowasser zu den Feldern in Kalifornien und Arizona leitet.

Das könnte auch in Nordafrika sein.

Das könnte auch in Nordafrika sein.

Die Dünen am Fusse der Berge, die den aufgewirbelten Sand aufhalten ziehen sich bis zum Horizont hin.

Die Dünen am Fusse der Berge, die den aufgewirbelten Sand aufhalten, ziehen sich bis zum Horizont hin.

An meinem Mittagsrastplatz.

An meinem Mittagsrastplatz.

Als ich später auf die Nebenstrasse abbog wurde ich mit einem fürchterlichen Belag konfrontiert. Durch die Hitze die hier im Sommer herrscht, bildeten sich im Belag lauter kleine aber auch grosse Risse. Die „Platten“ stossen sich gegenseitig auf, so dass die Fahrt darauf sehr holprig wird.

An eine  Strasse habe ich eigentlich andere Erwartungen.

An eine Strasse habe ich eigentlich andere Erwartungen.

Da mussten wir gemeinsam durch, das "Pferdchen" und ich.

Da mussten wir gemeinsam durch, das „Pferdchen“ und ich.

Ein echter Härtetest für mein Material und zeitweise fürchtete ich, die Aufhängungen der Packtaschen würden das nicht mehr lange mitmachen. Gut 35 Kilometer musste ich auf dieser Strasse heute zurücklegen bevor der Belag wieder besser wurde.

Mein "Pferdchen" ist der wahre Held des heutigen Tages. Es hat das alles klaglos mitgemacht!

Mein „Pferdchen“ ist der wahre Held des heutigen Tages. Es hat das alles klaglos mitgemacht!

Plötzlich tauchte links am Strassenrand eine kleine Ansammlung von Palmen und ein kleiner See auf. Daneben gab es zwei betonierte Badebecken etwa 4×3 Meter, in denen warmes Grundwasser sprudelte. Natürlich ein Parkplatz und ein Campingplatz in der Nähe. Da schon einige Leute in den Becken am baden waren, hatte ich keine Lust mich dazu zu setzen und hatte ja auch noch 30 Kilometer vor mir.

Oase mitten im Sand.

Oase mitten im Sand.

Es ging wieder grossen Gemüsefeldern entlang und langsam wurden die Regenwolken immer dunkler und es begann gut 15 Kilometer vor dem Ziel zu regnen. Die Strasse wurde dadurch sehr rutschig und der Verkehr nahm zu, je näher ich El Centro kam. Also war höchste Vorsicht geboten und ich war froh als ich das Hotel erreichte und eine warme Dusche nehmen konnte. Kyle traf gut eine Stunde später ein. Auch er war nass und wegen fehlendem Schutzblech auch noch ziemlich mit Erde vollgespritz. Also musste zuerst sein Fahrrad und der Anhänger abgespritzt werden, bevor diese ins Zimmer gestellt werden konnten. Nun hängen unsere Kleider zum trocknen an der Stange, den morgen ist nochmals Regen angesagt. Zudem wird es kühler und wir haben einen langen Anstieg vor uns. El Centro liegt 12 Meter unter dem Meeresspiegel und das „Minimalziel“ Morgen heisst „Boulevard“ und liegt auf etwas über 1000 Meter. Ich hoffe es wird nicht allzu nass und kalt. Für Donnerstag ist dann wieder besseres Wetter angesagt und das bleibt hoffentlich so, denn dann werde ich zusammen mit Kyle das Ziel, den Pazifik erreichen! Langsam geht die Reise zu Ende.

Tag 63: (15.12.14) Wellton – Yuma

Distanz: 49.6 km / Gesamt: 5043.8 km / Fahrzeit: 2 Std. 41 Min. / Durchschnitt 18.5 km/h

Vormittag 12, Nachmittag 19 Grad, ganzer leicht bedeckt, kein Wind

kurze Trainingsfahrt

Heute konnte ich es langsam angehen, denn es waren nur knapp 50 Kilometer bis Yuma zurückzulegen. Von dort geht es dann Morgen gut 100 Kilometer bis El Centro, bevor das „grosse Finale“ mit zwei Etappen über die letzte Bergkette vor dem Pazifik für Mittwoch und Donnerstag geplant ist. Heute also nochmals eine entspannte Variante, wenn auch auf diesem Abschnitt ein längerer Anstieg zu bewältigen war.

Dort hinten wartet mein heutiger "Trainingspass".

Dort hinten wartet mein heutiger „Trainingspass“.

Zudem bin ich heute den zweiten Streckenteil auf einer etwas abgelegeneren Landstrasse gefahren. Hier hat mich der Strassenzustand teilweise wieder an Louisiana erinnert. Zum Glück hatte ich mehr als genug Zeit und konnte in einer langsamen Fahrt diese Holperstrecke materialschonend zurücklegen.
Nach dem Start zuerst noch etwas Autobahn, geradeaus wie gehabt. Trotzdem gab es den besonderen Moment „des Kilometer 5000“ im Bild festzuhalten.

Kilometer 5'000 ist geschafft und noch 28 Meilen bis zur Grenze von Kalifornien.

Kilometer 5’000 ist geschafft und noch 28 Meilen bis zur Grenze von Kalifornien.

Wenn man Meilen und Kilometer „feiert“, kann man das eben öfter’s machen 🙂
Dann ging’s bergauf und ich suchte die richtige Trittfrequenz. Mit knapp 10 km/h kam es zwar langsam aber kräfteschonend hinauf.

Langsam aber stetig näherte ich mich der "Passhöhe".

Langsam aber stetig näherte ich mich der „Passhöhe“.

Nach der anschliessenden Abfahrt war ich schon bald am östlichen Rand von Yuma angekommen. Als erstes fallen die riesigen „Wohnmobil-Parks“ auf, die um diese Jahreszeit alle gut gefüllt sind. Viele Rentner in den USA verkaufen ihre Häuser und legen sich ein oft möglichst grosses Wohnmobil oder einen riesigen Anhänger zu. Diese Leute reisen dann gegen Ende Oktober in den Süden der USA um dort den Winter zu verbringen. Neben Florida sind auch die Staaten Arizona und Kalifornien beliebte Winterplätze. Was ich jedoch nicht nachvollziehen kann, wieso man dann ausgerechnet einen Platz an der lärmigen Autobahn als Winterquartier auswählt.

Wenigstens ist immer was los an der Autobahn.

Es gibt sicher idyllischere Plätze.

Als Velofahrer ist es einem nicht immer ganz wohl, wenn sich so ein Riesenfahrzeug von hinten nähert. Die Fahrer_innen sind oft nicht wirklich geschult diese Fahrzeuge zu lenken und viele von ihnen sind auch gesundheitlich nicht mehr ganz fit. Da es in den USA aber jedem selber überlassen ist wann er den Führerschein abgeben will und man ohne diesen, wegen fehlendem öV-Angebot, bekanntlich nicht mehr weit kommt, fahren hier viele die bei uns die „Fahrtüchtigkeitstests“ nicht mehr bestehen würden. Heute waren in Yuma besonders viele Wohnmobile auf der Strasse und ich bin froh, dass mir keiner „zu nahe“ kam.
Meine Route führte mich zuerst einer grossen Sanddüne entlang, die vor allem als Spielplatz für Motocrossfahrer oder Quad’s genutzt wird.

"Sandkasten" für die "Grossen".

„Sandkasten“ für die „Grossen“.

Dann radelte ich entlang der riesigen Gemüseanbauflächen, die hier dank der künstlichen Bewässerung aus dem Coloradoriver entstanden sind. In einem gewaltigen Kanal- und Pipelinesystem wird das Wasser auf die Felder gepumpt und so dem Colorado noch fast der letzte Tropfen Wasser entzogen, bevor er über die Grenze nach Mexiko fliesst. In diesem Sinne gehen die Amis mit ihrem südlichen Nachbarn nicht wirklich freundschaftlich um. Die billigen Arbeitskräfte aus dem Süden, werden aber gerne auf den Feldern beschäftigt.

Die Anbauflächen haben riesige Dimensionen.

Die Anbauflächen haben riesige Dimensionen.

Für die Ernte sind die billigen Helfer aus dem Süden gern gesehen.

Für die Ernte sind die billigen Helfer aus dem Süden gern gesehen.

Wie mit dem Linela gezogen stehen die Pflanzen in Reih und Glied.

Wie mit dem Lineal gezogen stehen die Pflanzen in Reih und Glied.

Nun also Morgen nach El Centro, wo ich wieder mit meinem „Radlerkollegen“ Kyle zusammentreffen werde. Er hat ja nach Las Cruzes eine nördlichere Route genommen und ist offenbar gut vorangekommen. Dank meinem zusätzlichen Ruhetag am Samstag treffen sich unsere Wege also morgen wieder. So können wir die letzten zwei Tage nochmals gemeinsam radeln und die Ankunft am Pazifik gemeinsam feiern.